Nur eine verschwindend kleine Blutlache fand sich neben dem Kopf des Mannes, den die Amsterdamer Prostituierte Nora in den frühen Morgenstunden des 13. Mai 1988 in einer kleinen vermüllten Seitenstraße des Prins-Hendrik-Hotels fand. Der amerikanische Jazz-Trompeter Chet Baker war Stunden vorher aus dem Fenster seines Hotelzimmers gesprungen.
Im Jazzclub „Bimhuis“ hatte Chet sich zuvor in einen Rausch gespielt. Schnelle und lange Linien mit dem für ihn typischen perfekten Timing wurden vom Publikum begeistert gefeiert.
Dabei waren nicht viele unten im Saal, die ihn verstanden. Chet war einer, der mit seiner Trompete Geschichten erzählen konnte. Er stimmte eine an, sein Quartett folgte ihm. Oft waren es Geschichten vom Lächeln, Geschichten vom Weinen und immer wieder welche vom Verlieren. Hatte er Diane Vavra verloren? Seine Lebensgefährtin war vor Monaten in die Staaten zurück, um ihre Eltern zu besuchen. Einmal hatten sie telefoniert, dann erreicht er sie nicht mehr.
Er bemerkte die Unruhe, die aufkam, verließ das Stück, schaute zu seinen Musikern und stimmte „The funny Valentine“ an. Augenblicklich Begeisterung.
Bassist Doug Raney erzählte nach dem Konzert, dass er Chet so stark schon lange nicht mehr gehört hatte. „Da kann sich Miles Davis mal ´ne Scheibe abschneiden“, gab eine niederländische Journalistin zum Besten. Die, die Chet gut kannten, verstummten. „Kein guter Vergleich“, hauchte Doug ihr zu. „Scheiße“, sagte er. „Scheiße, Scheiße, Scheiße!“ Am anderen Ende des kleinen Tisches zog sich Chet eine Nase Kokain und schüttete einen Jenever hinterher. Chet lehnte sich zurück und erinnerte sich, dass am Rand der Bühne die ganze Zeit ein Kerl gesessen hatte, den niemand kannte, der aber auch niemanden störte. Er hatte reichlich Bier getrunken, stand im Jubel der Gäste am Ende des Konzertes auf, winkte ins Publikum und fiel einfach um.
Während die Journalistin ihren Brüsten die Männer zeigte, stand Chet unvermittelt auf, klopfte Doug auf die Schulter und verabschiedete sich wortlos.
Im Hotel angekommen, wollte er sich gerade ins ungemachte Bett fallen lassen, als sein Blick auf das offene Fenster fiel.
© Karl-Heinz Hamacher 2011